2001 

Handwerk Politik
"The Making of Politics"

19. bis 23. November 2001, Leokino, Innsbruck & 4. Bis 8. November 2002, Votiv Kino, Wien

Das Kino tut sich sichtbar schwer mit der Politik. Denn die Politik ist ein undankbares Sujet, sie lockt keine Massen in die Kinosäle: Irgendwie verständlich. Die muftimediale Realität der Politik ist allgegenwärtig. Als Morgenmeldung in Radio, als Leitartikel und Schnappschuss in den Zeitungen und Zeitschriften, als Beitrag in den Internet-Diskussionsforen auf den diversen Webseiten, als TV-Nachricht und TV-"Hintergrundinformation" in den unzähligen politischen Nachrichten-, Magazin- und Diskussionssendungen. Wir saugen die multimediale Politik auf wie die Muttermilch. Wir kennen die Gesichter der Spitzenpolitiker in- und auswendig. Scheinbar braucht uns niemand mehr irgendetwas über die Politik zu erzählen.

Wenn Filmemacher trotzdem über Politik erzählen dann stolpern sie fast zwangsläufig über einen Hagel von Vorwürfen (Propaganda! Politisch einseitig! Politisch inkorrekt! Das kennen wir bereits vom Fernsehen Das wollen wir nicht sehen!). Dennoch gelingt es gerade DA. Pennebaker (TEE WAR ROOM, USA 1993), Mike Nichols (PRIMARY COLORS, USA 1998), Barry Levinson (WAG U DOG USA 1997), Helmut Grasser (DIE WAHLK4MPFER, Österreich 1903) und Stefan Aust, Alexander Kluge. Volker Schlöndorff und Alexander von Eschwege (DER KANDIDAT, BRD 1980) in ihren Dokumentar- und Spielfilmen eine faszinierende Schattenwelt sichtbar zumachen: die Welt der Berater, der Einflüsterer, der Journalisten, der Spin-Doktoren der Finanziers, der Werbegurus, der Meinungsforscher, der Ehefrauen und der Geliebten. Sie zeigen uns die Handwerker der Politik bei ihrem Geschäft, die Wahlkämpfer abseits des Scheinwerferlichts, die Kandidaten und ihre Helfer hinter den Bühnen, zwischen Hoffen und Bangen, abgeschminkt, ausgepowert.

Die Filmreihe Politik als Handwerk - The Making of Politics soll Ihnen ermöglichen, in diese Schattenwelt einzutauchen und im Dämmerlicht eines Kinosaals die Politik anders und neu zu erleben.

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The war photographer

1992 stand der konservative Texaner George W. Bush sen. vor seiner zweiten Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten. lm Jahr zuvor hatte er den Golf Krieg gegen Saddam Hussein erfolgreich geschlagen. Seine Wiederwahl schien nur noch reine Formsache. Zumal sich auf demokratischer Seite nur "sieben Zwerge" als Herausforderer bewarben. Unter ihnen ein junger, unbekannter Gouverneur aus Arkansas, Bill Clinton. Dieser schlitterte schon während der demokratischen Vorwahlen von New Hampshire in einen ersten, gehörigen Sex-Skandal rund um seine langjährige Geliebte Gennifer Flowers.

Im Mittelpunkt dieses Dokumentarfilms stehen James Carville und George Stephanopoulos, die bei den Vorwahlen, bei den Parteitagen und im Wahlkampf als Wahlkampfleiter und Pressesprecher für Bill Clinton versuchen, im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Carville und Stephanopoulos haben 1992 in der demokratischen Wahlkampfzentrale ("The War Room") die Art und Weise, wie amerikanische Wahlkämpfe erfolgreich geschlagen werden, von Grund auf revolutioniert. Dieser Dokumentarfilm von D.A. Pennebaker und Chris Hegedus beobachtet die Spin Doktoren bei ihrer Arbeit. Er zeigt, wie politische Gegner beobachtet, wie in TV-Spots reagiert, wie der eigene Kandidat auf Interviews vorbereitet und wie "die Botschaft" zu den Wählern gebracht wird. "Ein Lehrstück in Telekratie."

"Was ist am War Room so besonderes?", fragte ein CNN-Reporter einen Mitarbeiter von Clintons Wahlkampfstab. "Dass sie da nicht hineindürfen", lautete die Antwort. Monatelang begleiteten die Filmemacher James Carville und George Stephanopoulos, Wahlkampfleiter und Pressesprecher Clintons, auf dem Weg zum Sieg des "underdog", des "come back-kid", der auch ihr Sieg war.

USA 1993; Regie. Chris Hegedus, DA. Pennebaker; Kamera: Nick Doob, DA. Pennebaker, Kevin Rafferty;
Mitwirkende: James Carville, George Stephanopaulos, Heather Beckel,
Paul Begala, Bob Boorstin, Michael Donnilon ua.;
(35mm; Farbe, 96min, Dolby; englische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).




Die Wahlkämpfer

In der knapp zweistündigen Dokumentation aus dem Jahre 1993 (überarbeitete Version aus dem Jahr 2000) geht es um Menschen, die sich um den damaligen FFÖ-Vorsitzenden Jörg Haider scharten. Zu Wort kommen vor allem die Wahlhelfer und die Wähler Haiders: frustrierte ehemalige Sozialdemokraten, junge Arbeitslose, Menschen, die sich nach "Zucht und Ordnung" sehnen sowie verbissene Kämpfer, die in Haider einen geeigneten Führer sehen.

Der Kärntner Filmemacher Helmut Grasser folgte 1992 dem FPÖ-Politiker Jörg Haider von Wahlveranstaltung zu Wahlveranstaltung. Mit Jörg Haider ziehen die FPÖ-Funktionäre und die Referenten Haiders. Vom Bezirksrat Gaschler ("Es ist so, als ob mich jemand rächen würde für das, was ich alles mitgemacht habe.") über Wahlwerber Herbert S. ("Bei den Erfolgreichen möchte ich dabei sein, bei den Siegern möchte ich dabei sein ... so schauen Sieger aus, das sind Sieger, Punkter, Gewinner...") bis zu Haiders Intimus Peter Westenthaler.

"Grassers Film lässt die Leute einfach reden. Und das ist entlarvend genug" schrieb Herbert Schima im NEWS. "Ich halte es für einen Fehler, wenn man Haider dämonisiert, wie viele Medien das tun. Ich bin, im Gegenteil, im Laufe der Dreharbeiten draufgekommen, wie klein - nicht nur physisch - der Mann in Wirklichkeit ist." (Helmut Grasser)

"Die Wahlkämpfer" (Ö, 2000)
Regie: Helmut Grasser
Diskussionsrunde mit Andreas Mölzer (FPOE; Chefredakteur Zur Zeit), Hans-Henning Scharsach (Autor, News) und Helmut Grasser (Regisseur).
Moderation: Erhard Stackl (Der Standard)

Österreich 1993/2000; Regie: Helmut Grasser; Buch: H. Grasser, Hubert Canaval; Kamera: Othmar Schmiderer; (35mm; Farbe, 98 min).



Wag the Dog

Ein Sex-Skandal stürzt das Weiße Haus elf Tage vor der Wahl in eine schwere Krise. Um die Wiederwahl zu retten, muss eine internationale Krise her. Ein Hollywood-Produzent (Dustin Hofmann) wird von einem Ratgeber des Präsidenten (Robert De Niro) engagiert, um einen Krieg gegen Albanien zu inszenieren. "Warum ausgerechnet gegen Albanien?" fragt Anne Heche. "Was hat denn Albanien jemals für uns getan," antwortet darauf Robert de Niro. Als der Film 1997 in die Kinos kam, hatte die Wirklichkeit den Film schon längst überholt. Bill Clintons Affäre mit Monica Lewinski brachte ihn an den Rand einer Amtsenthebung und die Vereinigten Staaten befanden sich plötzlich erneut in einer schweren Krise mit Saddam Husseins Irak.

"Wie Bilder manipuliert und Realitäten hergestellt werden können, dazu liefert WAG THE DOG sehr anschauliche Beispiele. Da wird aus einem leeren, blauen Studio eine albanische Trümmerlandschaft deren Dramatik per Computer gesteigert werden kann und die Kartoffelchips-Tüte in den Händen einer Schauspielerin wird im nachhinein zum verstörten Kätzchen. Eine (Schein-)Welt von Gnaden eines ebenso infantilen wie machtbesessenen lmpresarios, den Dustin Hoffman überzeugend als einerseits lächerlichen, andererseits genialen Zeremonienmeister in Sachen öffentlicher Inszenierung darstellt. Eine Karikatur seiner selbst liefert gleichsam Country-Star Willie Nelson, der für die musikalische Erzeugung patriotischer Gefühle auserkoren wird." (zoom 4/98)

"Wag the Dog" (USA,1997)
Regie: Barry Levinson
Diskussionsrunde mit Ao. Univ.-Prof. Dr. Peter Filzmaier (Politikwissenschaftler), Mag. Armin Wolf (ORF) und Andreas Rudas (SPÖ Wahlkampfmanager 1999).
Moderation: Mag. Thomas Pupp (Veranstalter)

USA 1997; Regie: Barry Levinson; Buch: David Mamet, Hilary Henkin, nach dem Roman "American Hero" von Larry Beinhart;
Kamera: Robert Richardson; Musik: Mark Knopfler, Willie Nelson;
Darsteller Robert De Niro, Dustin Hoffman, Anne Heche, Woody Harrelson, Denis Leary, Willie Nelson u.a.;
(35mm; Farbe; 99min; englische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).




Primary Colors

Primary Colors Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des amerikanischen Journalisten Joe Klein, der den demokratischen Vorwahlkampf 1992 mehr oder weniger unverschlüsselt aus der Sicht des schwarzen Wahlkampf-Mitarbeiters Henry Burton beschreibt. PRIMARY COLORS ist so etwas wie die Hollywoods Spielfilm-Fassung von THE WAR ROOM.

John Travolta spielt den wahlkämpfenden Jack Stanton wie das Abziehbild von Bill Clinton. Jack Stanton schüttelt Hände wie kein anderer Politiker, schafft es scheinbar mühelos, die Kluft zwischen den Hautfarben zu überbrücken und schläft n seiner Friseurin, mit der Lehrergewerkschafterin und mit der Babysitterin seines Sohnes. "Wir dürfen verwundert die Köpfe darüber schütteln, wie die Medien die amerikanischen Politik in einen tragischen Zirkus, in einen Wirbelwind aus nichtssagenden Phrasen und saftigen Skandalen verwandelt haben," schrieb ein englischer Filmkritiker über den Film von Mike Nichols.

"(...) John Travolta also ist Bill Clinton und heißt Jack Stanton, der als Gouverneur irgendeines Staates im Süden der USA mit Hilfe seiner so energischen wie taktisch geschulten Frau auf dem Weg ist, der neue demokratische Kandidat für die kommenden Präsidentschaftswahlen zu werden. (...) Mike Nicols' Satire führt permanent die Perfidie eines politischen Systems vor, dessen Regeln keine Gewinner im moralischen Sinne kennen kann." (epd Film)

"Primary Colours" (USA, 1998)
Diskussionsrunde mit LAbg. Reinhold Lopatka (OEVP Wahlkampfmanager 2002), Univ.-Prof. Dr. Fritz Plasser (Politikwissenschaftler) und Eric Frey (Der Standard).
Moderation: Dr. Raimund Löw (ORF)

USA 1998, Regie: Mike Nicols; Buch: Elaine May, nach dem gleichnamigen Roman von Anonymous, i.e. Joe Klein; Kamera: Michael Ballhaus; Musik: Ry Cooder, Carly Simon;
DarstellerInnen: John Travolta (Governor Jack Stanton), Emma Thompson (Susan Stanton), Billy Bob Thornton (Richard Jemmons), Adrian Lester (Henry Burton), Kathy Bates (Libby Holden) u.a.;
(35mm; Farbe, 143min; DEUTSCH SYNCHRONISIERTE FASSUNG).




Der Kandidat

Der in Bayern ungemein populäre, erzkonservative Politiker Franz Josef Strauß tritt bei den deutschen Bundestagswahlen 1980 gegen den SPD-Politiker Helmut Schmidt an und will Bundeskanzler werden. Vier deutsche Regisseure (Stefan Aust, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Alexander von Eschwege) tun sich zusammen, um das zu verhindern. Stationen aus dem Leben des Politikers Franz Josef Strauß, seine Ideologie, seine Sprache, seine Affären und seine Anhänger werden gezeigt.

Einige deutsche Kinos weigerten sich, den "respektlosen" Film zu zeigen. "Agitprop" war eines der kritischen Urteile über den Film, schildert DER KANDIDAT doch die wechselhaften Seiten des Politikers und Aufstieg, Sturz und Come-back des von Affairen nicht unbelasteten Franz Josef Strauß werden darin nachgezeichnet.

"Ein Wahlkampfbeitrag ist dieser Film zweifelsohne, deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Fernsehanstalten ihre Kooperation versagten; dass aber Augstein (damaliger Herausgeber von DER SPIEGEL) ist doch etwas überzogen. (...) Das Problem des Films dürfte sein, dass ihn in der Hauptsache diejenigen ansehen werden, die ohnehin Strauß nicht wählen wollen." (W.J. Fuchs, in Filmjahrbuch 1980)

"Der Kandidat" (BRD, 1980)
Diskussionsrunde mit Dr. Rainer Nick (Politikwissenschaftler und Politikberater) und Michael Frank (Süddeutsche Zeitung).
Moderation: Thomas Mayer (Der Standard)

BRD 1979/80; Regie und Buch: Stefan Aust, Alexander Kuge, Volker Schlöndorff und Alexander von Eschwege; Kamera: Bodo Kessler, Igor Luther, Werner Lüring, Thomas Mauch, Jörg Schmidt-Reitwein;
(35mm; Farbe und Schwarzweiß; 129min).