2004 

Propaganda, Lügen und das große Aufbegehren

29. November bis 3. Dezember 2004, Leokino, Innsbruck

Propaganda, Lügen und das große Aufbegehren Seit die Bilder laufen lernten, werden Filme (so wie die übrigen modernen Massenmedien auch) immer wieder in den Dienst der Propaganda für Politiker, Parteien, Ideologien und andere politische, wirtschaftliche oder auch nur rein persönliche Anliegen gestellt. Im besten Scheinwerferlicht wird völlig verzerrt dargestellt, es wird geschnitten und gelogen, dass die Balken krachen und auf Teufel komm raus inszeniert und manipuliert. Hat die in den Filmen dargestellte Wirklichkeit mit der eigentlichen Wirklichkeit noch etwas zu tun? Wie funktioniert die große Propagandamaschine? Dürfen wir den Bildern und Botschaften des medialen Alltages noch trauen? Und wie können wir uns dagegen wehren? Diesen Fragen geht das Polit-Film-Festival 4 in einer Reihe von Filmen, Vorträgen und Diskussionen nach.

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Aprile

Es gibt einen europäischen Filmemacher, der hauptsächlich von sich, von seinen Neurosen und Ängsten redet und dennoch weder Pessimist noch unpolitisch ist – im Gegenteil. Nanni Moretti ist sowohl Regisseur, Drehbuchautor und Produzent als auch Schauspieler. Was Moretti an- und umtreibt, sind die Sorgen im Alltag, die Gesundheit, der marode Zustand der Medienlandschaft und die Krise der politischen Linken. Er ist ein Intellektueller mit sozialistischem Herzblut und dennoch sympathisch unverkrampft.

APRILE ist das Tagebuch der Entstehungsgeschichte zweier Filme: Einerseits die filmische Chronik von zwei Jahren italienischer Geschichte, beginnend mit dem Sieg Silvio Berlusconis im März 1994 bis zur Regierung der gemäßigten Linken im April 1996; andererseits die Idee zu einem großen Musical-Projekt. Wie in CARO DIARIO liefert Nanni Moretti vor diesem Hintergrund wieder selbstironische Einblicke in seine Persönlichkeit. Der intellektuelle Künstler wird nämlich erstmals Vater und muss, emotional gefordert, seine Pläne aufschieben, was Konsequenzen für seine Psyche und den Umgang mit den Arbeitskollegen hat.

Nanni Moretti kommentiert in APRILE die Berg- und Talfahrten der italienischen Politik zwischen 1994 und 1996 und inszeniert dabei ein leichthändiges, aber nie leichtfertiges Selbstporträt eines sozialistisch geprägten Zeitkritikers im Italien der neunziger Jahre. Für die Cahiers du Cinéma ist „Nanni Moretti der einzige der jetzigen Generation des italienischen Kinos, dem aus moralischer Sicht eine Eingliederung in die Reihe von Rossellini und Pasolini zusteht“. (Nach: Stadtkinoprogramm; ZOOM)

Italien 1998;
Regie und Buch: Nanni Moretti;
Kamera: Giuseppe Lanci;
DarstellerInnen: Nanni Moretti (Nanni), Silvio Orlando (Silvio), Silvia Nono (Silvia), Pietro Moretti (Pietro), Agata Apicella Moretti (Agata), Nuria Schoenberg (Nuria), Angelo Barbagallo (Angelo), Andrea Molaioli (Andrea) u.a.;
(35mm; Farbe; 78min; italienische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).




Nani Moretti, Spielfilm, Italien 1998.

The Fog of War

In den 60er-Jahren war Robert S. McNamara vermutlich der meistgehasste Politiker der westlichen Welt.Keiner galt als so skrupellos wie der amerikanische Verteidigungsminister, in dessen Amtszeit die Kuba-Krise und der Vietnamkrieg fielen. Es war McNamara, der im März 1965 die Operation Rolling Thunder, später den Einsatz von Napalm und Entlaubungsmitteln befahl. Es hieß, für McNamara bestehe die Welt nicht ausMenschen, sondern aus Zahlenkolonnen. Seine Spezialität: der Bombenteppich und die Zerstörung der Fläche. Doch plötzlich, Ende 1967, schied er aus dem Amt, wurde Präsident der Weltbank, engagierte sich gegen Elend und Hochrüstung und verwandelte sich in einen Kritiker der NATO.

Der Dokumentarfilmer Errol Morris hat den 85-jährigen McNamara nun um Auskunft gebeten und seine Antworten mit historischem, teilweise erst vor kurzem freigegebenen Material unterfüttert – so will er die statische Perspektive auf den erzählenden Zeitzeugen aufbrechen. Gelungen ist ihm dabei ein ungewöhnlich diskreter Dokumentarfilm über den „Nebel“ des Krieges, eine Kritik an westlicher Machtpolitik und ihrem politisch Imaginären. Denn folgt man Morris in das Labyrinth seines Oscar-prämierten Films, dann lautet die Botschaft, das Gefährlichste an der Politik sei das eigene Weltbild. „Wir sahen, was wir glauben wollten“, sagt McNamara, „aber wir irrten uns. Unsere Denkmuster führten dazu, mit unglaublichen Kosten.“

In elf Lektionen ordnet Morris diesen Lebenslauf mit historischen Dimensionen, in dem auch durchaus ambivalent die Attitüde seines mediengeschulten Protagonisten sichtbar wird: „Beantworte nie die Fragen, die dir gestellt werden. Beantworte stattdessen Fragen, die du gerne gestellt bekommen hättest.“ (nach: Die Zeit, www.derspiegel.de)

USA 2003; Regie: Errol Morris;
Mitwirkende: Robert McNamara, Fidel Castro, John F. Kennedy, Richard Nixon, Lyndon
Johnson u.a.;
(35mm; Farbe; 95min; amerikanische ORIGINALFASSUNG).



Errol Morris, USA 2003.

The Cordon

Anfang 1997. Seit vier Monaten geht die serbische Bevölkerung auf die Straße, um in friedlichen Demonstrationen Diktator Slobodan Milosevic zu stürzen. Dieser kreist die Demonstranten mit Polizeikordonen ein, brutalen Schlägertruppen ohne Verständnis für ihre protestierenden Mitbürger. Die Polizisten Zmaj, Crni, Dule, Kole, Seljak sowie ihr Fahrer Uros erledigen ihren Job, den Anweisungen folgend, die sie über Funk erhalten. Ihr Leben ist ein ermüdender Teufelskreis geworden – den DemonstrantInnen nachlaufen, sie pausenlos prügeln, dann im kalten Polizeiauto sitzen, schlechte Sandwichs essen, im Park aufs Klo gehen mit der ständigen Angst, gleich selbst angegriffen zu werden. Sie bekommen weder genug Schlaf noch warmes Wasser, schon gar keine Aufmunterung. Die DemonstrantInnen sind für sie zu einer anderen Spezies Mensch geworden, einer Art, deren Provokationen mit Prügel, Schlagstöcken oder Schüssen beantwortet werden müssen.

Goran Markovic widmet sich in THE CORDON ganz dem Milieu und der Sichtweise der Polizisten, ohne sich jedoch auf deren Seite zu schlagen oder ihre Handlungen zu rechtfertigen. Vielmehr gelingt es ihm zu zeigen, dass Gewalt nie nur in eine Richtung wirkt, sondern auch den Aggressor verändert. „Selbst der ärgste Verbrecher“, sagt Markovic, „ist in einem gewissen Sinn sein eigenes Opfer. Ich wollte einen Blick über die Barrikaden werfen, denn nur im Porträt der anderen Seite kann ein annähernd komplettes Bild dieser Zeit in Serbien gegeben werden.“

Serbien und Montenegro 2003; Regie: Goran Markovic;
Buch: Nebojsa Romcevic; Kamera: Predrag Popovic;
Musik: Zoran Simjanovic;
DarstellerInnen: Marko Nikolic, Dragan Petrovic, Nenad Jezdic, Nikola Djuricko u.a.;
(35mm; Farbe; 87min; serbische ORIGINALFASSUNG MIT ENGLISCHEN UNTERTITELN).




Goran Markovic, Spielfilm, Bundesrepublik Jugoslawien, 2002.

Oktober

Für das staatliche Filmkomitee Sovkino soll Eisenstein einen Film zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution drehen. Das 1927 entstandene Auftragswerk, heute einer der bedeutendesten, formal spannendsten politischen Filme, stellt die entscheidenden letzten acht Monate von Februar bis Oktober 1917 dar: Das Versagen der provisorischen Regierung und Kerenskis, die Ankunft Lenins auf dem finnischen Bahnhof, die Niederlage des konterrevolutionären Generals Kornilow, die fruchtlosen Diskussionen der Politiker und der Aufstand des Volkes, der im Sturm auf das Winterpalais gipfelt (Eisenstein benötigte dafür 11.000 Extras; wegen dem Beleuchtungsaufwand für diese Szenen blieb der Rest der Stadt ohne Strom).

OKTOBER kam in seiner Darstellung der revolutionären Ereignisse dermaßen nahe an die Wunschvorstellungen der Machthaber in der Sowjetunion, dass im Revolutionsmuseum in Leningrad über Jahre Bilder aus dem Film als reale Fotos des Revolutionsgeschehens ausgegeben wurden. OKTOBER ist eines der prominentesten Beispiele für die Eisenstein’sche Idee, dass filmische Montage aus der Kollision von unabhängigen Aufnahmen entsteht; Aufnahmen, die einander eben auch kontrapunktisch widersprechen können. Nur so entstehe die Vitalität und Dynamik der „wichtigsten aller Künste“ (Lenin). Wesentlich bei der Arbeit am Schneidetisch, so Eisenstein, sei die Herstellung eines rhetorisch überzeugenden Kontexts. (nach: www.deutsches-filminstitut.de, www.montagetheorie.de)

Russland 1927; Regie: Sergei Eisenstein;
Buch: Sergej M. Eisenstein, Grigori Aleksandrov;
Kamera: Vladimir Popov, Eduard Tisse, Vladimir Nilsen;
DarstellerInnen: Vasili Nikandrov (Lenin), Vladimir Popov (Aleksandr Kerensky), Layaschenko (Konovalov) u.a.;
(35mm; Schwarzweiß; 115min; mit Live-Klavierbegleitung).


  

Sergej Eisenstein, Spielfilm, Sovietunion, 1927.

Control Room

Offiziell ist der Irak-Krieg zu Ende, doch wer wird den Geschichtsbüchern die Geschehnisse diktieren? Die US-Armee, die Politik, die Medien? Was heißt überhaupt Objektivität, wenn Medien in die Kriegsführung miteinbezogen werden? Die ägyptisch-amerikanische Filmemacherin Jehane Noujaim versucht in CONTROL ROOM, den Sturz Saddams aus zwei völlig verschiedenen Perspektiven darzustellen: derjenigen der amerikanischen Propaganda-Strategen und derjenigen der arabischen Journalisten des Fernsehsenders Al-Jazeera.

Der panarabische TV-Sender Al-Jazeera ist spätestens seit dem Beginn des Irak-Feldzugs der USA in aller Munde. Der durchaus regimekritische und laut Eigendefinition unabhängige Sender wurde in sechs arabischen Staaten schon verboten, gleichzeitig gab es massive US-Vorwürfe, weil Al-Jazeera Bilder gefangener und toter Marines zeigte, überhaupt gegen die USA und ihre Verbündeten Stellung zu beziehen schien. Der Film behandelt auch die Vorwürfe, dass die US-Armee gezielt gegen arabische Medienvertreter in Bagdad vorging. Bei einem US-Angriff auf das irakische Büro Al-Jazeeras kam etwa der Journalist Tarek Ayyoub ums Leben.

Noujaim und ihr Team hatten während des Krieges im Irak drei Monate Zugang zum Sendezentrum in Qatar. Gleichzeitig drehten sie im US-amerikanischen Medienzentrum Central Command Center (CentCom), wo vor versammelter Weltpresse täglich über den Krieg aus Sicht der Alliierten informiert wurde. Und während im US-Fernsehen Bilder des Triumphs zu sehen waren, sah die arabische Welt umgekommene Zivilisten und geschockte Kriegsgefangene. Dem Film gelingt durch sein breites Spektrum an Protagonisten und dank eines um Ausgewogenheit bemühten Vorgehens ein differenzierter Diskussionsbeitrag zum Thema Medien und Propaganda. Und weil alle Involvierten frei reden dürfen, verfangen sich die Beteiligten schnell in demaskierenden Widersprüchen. (nach: outnow.ch, www.noujaimfilms.com)

USA/Ägypten 2003; Regie: Jehane Noujaim;
Kamera: Jehane Noujaim, Hani Salama;
Montage: Julia Bacha, Lilah Bankier, Charles Marquardt;
Mitwirkende: Sameer Khader, Josh Rushing, Tom Mintier, Deema Khatib u.a.;
(Videovorführung auf Beta SP; Farbe; 83min; englisch-arabische ORIGINALFASSUNG MIT ENGLISCHEN UNTERTITELN).




Jehane Noujaim. Dokumentation, Ägypten 2003.