2005 

Dunkle Flecken, lange Schatten.

3. bis 7. Dezember 2012, Leokino, Innsbruck

Gerade im Jubiläums- und Jubeljahr 2005 (60 Jahre Ende des 2. Weltkriegs, 50 Jahre 2. Republik, 10 Jahre EU-Beitritt) schauen wir verstärkt in die Vergangenheit, um Geschichte und Gegenwart zu verstehen.
Das heurige Polit-Film-Festival 5 beschäftigt sich in einer Reihe von Filmen, Vorträgen und Diskussionen mit den dunklen Flecken in unserer Geschichte und ihre langen Schatten, die sie in die Gegenwart, in die gegenwärtige Politik werfen.
In den Kinosälen des Innsbrucker Leokinos dreht sich vom 28. November bis 2. Dezember 2005 alles um "Dunkle Flecken, lange Schatten", um Vergangenheit im Film und in der gegenwärtigen Politik.

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ZWEI ODER DREI DINGE, DIE ICH VON IHM WEISS

Die Familie eines Nazitäters, 60 Jahre nach Kriegsende. Längst ist die Wahrheit über die Rolle des Vaters während des Krieges aktenkundig, aber die Witwe, seine Kinder und Kindeskinder streiten darüber wie über ein Geheimnis, das nicht gelüftet werden darf.

Hanns Elard Ludin, der Vater des Filmemachers, wird bereits in der Weimarer Republik als junger Offizier berühmt, weil er in der Reichswehr für Hitler konspiriert. Als dieser an die Macht gelangt, steigt er schnell zu einem der SA-Obergruppenführer auf. Mit 28 Jahren befehligt er ein Heer von 300.000 SA-Männern. Er genießt alle Privilegien des "Dritten Reiches". 1941 schickt ihn Hitler als Gesandten in den Vasallenstaat Slowakei. Als "Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches" soll er dort die Interessen Berlins durchsetzen: neben der ökonomischen Ausbeutung und militärischen Kooperation vor allem die "Endlösung".

Nach dem Krieg wird Hanns Ludin von den Amerikanern an die tschechoslowakischen Behörden ausgeliefert, zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet. Hanns Ludin wird unter anderem eine maßgebliche Beteiligung an der Vernichtung der slowakischen Juden angelastet. Sein jüngster Sohn, der Filmemacher Malte Ludin, nimmt diese Tatsachen zum Ausgangspunkt einer dokumentarischen Auseinandersetzung mit drei Generationen seiner zahlreichen, in der ganzen Welt verstreuten Familie. Ein hochemotionaler Zustandsbericht aus dem Inneren einer deutschen Familie. Privat und dennoch beispielhaft (nach: Berlinale Katalog, epd-Film).

Malte Ludin: "Ich glaube, das Schweigen über eine wesentliche Zeit ihres Lebens ist bei vielen Eltern meiner Generation weit verbreitet. Diese biographischen und historischen Aussparungen haben immer noch Folgen und eine unkontrollierte, bis heute aktive Dynamik. Mit diesem Film habe ich zwar ein sehr persönliches Projekt verfolgt, aber die Geschichte geht weit über das bloß Private - also meine Familie - hinaus. Was ich erzähle, findet sich, vielleicht nicht so zugespitzt, in sehr vielen anderen, ganz normalen deutschen Familien auch."

Eröffnung: Dr. Franz Vranitzky, Bundeskanzler a.D.

Impulsreferat: Malte Ludin, Regisseur

D 2005; Regie und Buch: Malte Ludin; Kamera: Franz Lustig; Schnitt: Ida Svarcová; Musik: Werner Pirchner, Hakim Ludin; (35mm; 1:1,85; Farbe; Dolby SRD; 87min).



TRIUMPH DES WILLENS

Es dürfte wohl in der Filmgeschichte keinen einzigen Film geben, der in seiner Rezeption so kontrovers beurteilt wird wie TRIUMPH DES WILLENS. Nirgendwo sonst divergieren moralisch-politische und künstlerisch-ästhetische Bewertungen mehr als bei diesem Film.

Zu seiner Zeit noch international ausgezeichnet wurde er Leni Riefenstahl, und hier insbesondere natürlich in Deutschland, nach 1945 zum Verhängnis. Einerseits wird TRIUMPH DES WILLENS als Meisterwerk der Film- und Bildsprache angesehen, andererseits stellt er die Perfektion des Propaganda-Films dar. Noch heute sind Verkauf und Aufführung des Films in Deutschland nur zu wissenschaftlichen Zwecken oder Lehrvorführungen erlaubt.

Nach der "Machtergreifung" 1933 erhält Riefenstahl von Joseph Goebbels den Auftrag, einen Film über den Parteitag der NSDAP in Nürnberg zu drehen. Der ungeheure Erfolg von SIEG DES GLAUBENS wird 1935 noch weit übertroffen vom zweiten Parteitagsfilm der Riefenstahl, von TRIUMPH DES WILLENS. "Sie ist die einzige, die uns versteht", jubelt Goebbels in seinem Tagebuch. Und "Triumph" ebnet dem Genre des Dokumentarfilms stilistisch und dramaturgisch völlig neue Wege. Riefenstahl inszeniert Adolf Hitler als messianischen Heilsbringer der Deutschen und das Volk als folgsame Willensgemeinschaft.

Das Kino als "Liebeserklärung der Deutschen an Hitler", so nennt es der Filmhistoriker Rainer Rother. Riefenstahl standen dafür 18 Kameramänner und weitere Assistenten zur Verfügung. Innovative und ungewöhnliche Methoden der Bildgestaltung und Filmkomposition kamen nun in bislang nicht gekanntem Ausmaß zum Ausdruck. Neue Aufnahmetechniken, ungewöhnliche Kamerapositionen, auf Schienen fahrbare Kameras, ja sogar ein an einem Fahnenmast angebrachter kleiner Fahrstuhl-Lift ermöglichten Bildkompositionen ungekannter Art und Wirkung, die durch die speziellen dramaturgischen Methoden der fünf Monate beanspruchenden Schnitt-Arbeiten und der musikalischen Untermalung bislang nicht gesehene Eindrücke schafften.

Impulsreferat: Dr. Wolfgang Meixner, Historiker

D 1935; Buch, Regie und Schnitt: Leni Riefenstahl; Kamera: Sepp Algeier, Walter Frenz, u.a.; Musik: Herbert Windt; (35mm;Schwarzweiß; 114min).



SOBIBOR, 14. OKTOBER 1943, 16 UHR

Es war der sowjetisch jüdische Offizier Aleksander Peczerski, ein Berufssoldat, vertraut im Umgang mit Waffen, der den Aufstand in knapp sechs Wochen beschloss, plante und organisierte. Peczerski, der Anfang September 1943 zusammen mit anderen Juden, ebenfalls Soldaten der Roten Armee, nach Sobibor deportiert worden war, hatte das Glück, nicht direkt in die Gaskammer geschickt zu werden, wie seine Kameraden: Von den 1.200 Menschen der Gruppe wählten die Deutschen rund 60 Mann aus, die sie für die Schwerarbeit und Instandhaltung benötigten.

SOBIBOR setzt da an, wo SHOA endete: sowohl geografisch in Warschau, als auch inhaltlich beim jüdischen Widerstand. Während Lerners Erzählung fährt Lanzmann die Eisenbahnstrecken nach, überblickt in Panoramaschwenks die Wälder, und kehrt immer wieder an die Orte zurück, die mittlerweile Gedenkstätten geworden sind. Es sind Aufnahmen aus der Gegenwart. Aktualisierung, nicht Historisierung lautet sein Programm.

F 2001; Regie und Buch: Claude Lanzmann; Kamera: Caroline Champetier (2001), Dominique Chapuis (1979); Ton: Bernard Aubouy; (35mm; 1:1,66; Farbe; 95min; ORIGINALFASSUNG - in Französisch und Hebräisch - MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).



DAS GOEBBELS-EXPERIMENT

Joseph Goebbels war ein exzessiver Tagebuchschreiber. 40 Seiten aus den insgesamt 29 in einem Moskauer Sonderarchiv gefundenen Bänden haben Lutz Hachmeister und Michael Kloft zu einem biografischen Extrakt kompiliert. Die von Udo Samel verlesenen Aufzeichnungen bilden den erzählerischen Faden des Films. Anders als in konventionellen TV-Dokumentationen verzichten die Filmemacher auf didaktische Off-Kommentierungen, Zeitzeugen-Befragung und die üblichen Experten-Interviews. Durch diese strenge formale Beschränkung auf Goebbels' Texte blickt der Zuschauer gewissermaßen durch die Augen des Propagandaministers: ein "Goebbels-Experiment".

Was so gelingt ist eine virtuelle Rekonstruktion von Goebbels' Weltsicht, die Sichtbarmachung seines spießig-martialischen Innenlebens. Der kleine Mann ist high von der Wirksamkeit seiner eigenen Propaganda und der schieren Allmacht seiner Worte. So schwärmt er vom erholsamen Schlaf im Wald und bringt im selben Atemzug auf dem Papier den jüdischen Schriftsteller Emil Ludwig um, dessen "Mord in Davos" ihn als Bettlektüre erzürnte. Das bruchlose Nebeneinander von Palaver und Massenvernichtung fügt sich zu einer lückenlosen Selbstinszenierung, in der alles bis hin zur Lagebesprechung mit Göring "sehr stilvoll" ist. Das überraschende Ergebnis des Goebbels-Experiments besteht in der radikalen Entmystifizierung der Figur Goebbels (nach: epd-Film, Die Zeit, Thomas Assheuer).

Impulsreferat: Dr. Peter Huemer, Journalist

D 2004; Regie und Buch: Lutz Hachmeister; Buch und Recherchen: Michael Kloft; Kamera: Hajo Schomerus; Schnitt:Guido Krajewski; Musik: Hubert Bittman; Sprecher: Udo Samel; (35mm; Farbe; 107min; deutsche ORIGINALFASSUNG).

  

THE LONG WAY HOME

Ihren 1998er Oscar verdankt diese Dokumentation vor allem der Tatsache, dass sie einen der landläufigsten Irrtümer über den Holocaust behebt: Das Leid europäischer Juden war mit der Befreiung aus den NS Konzentrationslagern nicht beendet.

Im Mai 1945 ist Deutschland von den Alliierten besiegt. Europa ist halb zerstört und Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. Aus den Konzentrationslagern werden die Menschen befreit. Die meisten von ihnen sind körperlich und seelisch schwer krank.

Um die Flüchtlingsströme zu kanalisieren, richteten Amerikaner und Briten in ihren Besatzungszonen "Displaced Persons Camps" ein. Die Lager sind meist nach Nationalitäten organisiert. So finden sich jüdische Überlebende häufig im selben Lager wie Nazi-Sympathisanten oder Kollaborateure wieder. Amerikanische Armee-Geistliche wie Rabbi Abraham Klausner sind die ersten, die sich der jüdischen Überlebenden annehmen, Namenslisten und Kontaktmöglichkeiten einrichten.

Der Film zeichnet den "langen Heimweg" von ungefähr 300.000 jüdischen Überlebenden der Konzentrationslager nach Israel. In der weltpolitisch sensiblen Phase zwischen Kriegsende und der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 war ein Bleiben in Europa genauso unmöglich wie die Einreise in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Nahezu weltweit wurde es abgelehnt, sich mit dem Schicksal der Flüchtlinge überhaupt zu befassen. Regisseur Mark Jonathan Harris rekonstruiert die Geschichte der KZ-Überlebenden anhand von Archivaufnahmen, Interviews mit Zeitzeugen und Auszügen aus Briefen.

Impulsreferat: Dr. Peter Filzmaier, Politologe

USA 1997; Regie: Mark Jonathan Harris; Sprecher: Morgan Freeman, Martin Landau, Michael York u.a.; (35mm; Farbe; 114min; englische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).



DAS MORDSCHLOSS

Schloss Hartheim im Schatten der Vergangenheit - Von der Heil- zur Mordanstalt. Schauplatz der Ereignisse: ein Renaissanceschloss inmitten eines kleinen Dorfs an der Donau. Bis zum Jahr 1940 herrscht hier ländliche Idylle. Dann wird plötzlich alles anders. Das Schloss, lange Zeit ein Pflegeheim, wird zu einer Mordanstalt des Dritten Reichs für so genanntes "unwertes Leben".

Der Journalist Tom Matzek sammelte drei Jahre lang Daten und Fakten zu den - bis heute nicht gänzlich aufgearbeiteten - ungeheuerlichen Vorgängen auf Schloss Hartheim. Er begibt sich mit seinem Film auf eine Spurensuche in ein real gewordenes Schattenreich, in dem jegliche menschliche Moral außer Kraft gesetzt waren. Schloss Hartheim war eine einzigartige Vernichtungsmaschinerie - sie stand mitten im Ort. Wegsehen und Weghören waren unmöglich. Der Tötungswahn der Euthanasiefanatiker in Hartheim ging so weit, dass sie mit Mauthausen einen Konkurrenzkampf in Sachen Massenmord führten. Matzek rekonstruiert das Grauen im Mordschloss anhand persönlicher Schicksale von Opfern, Tätern, Augenzeugen, Widerstandskämpfern.

Da ist der reiche Viehhändler, der nach einem Nervenzusammenbruch Opfer der Euthanasie wird, vergast von Rudolf Lonauer, einem medizinischen Massenmörder, der privat fürsorglicher Familienvater ist. Und da ist der Staatsanwalt, selbst NSDAP-Mitglied, der gegen die Täter zu ermitteln versucht. Dieser ebenso fundierte wie engagierte Film zeigt die Verbindung der Ereignisse im kleinen Ort Hartheim zu der von Adolf Hitler gewollten Endlösung.

Ein Dokumentarfilm über die Ermordung behinderter Menschen in Österreich während der Herrschaft der NSDAP. Der Film wird in einer Tiroler Zwischenstation des Euthanasie-Programms aufgeführt.

Impulsreferat: Tom Matzek, Dokumentarfilmer

A 2001;Directed by: Tom Matzek, Produced by: Österreichischer Rundfunk (ORF Wien), (43min)