2008 

Falsche Mythen und traurige Wahrheiten

24. bis 28. November 2008, Leokino, Innsbruck

Mit „falschen Mythen und traurigen Wahrheiten“ in der Politik befasst sich die achte Auflage des erfolgreichen Innsbrucker Polit-Film-Festivals, das vom 24. bis 28. November 2008 im Innsbrucker Leokino stattfindet. Gezeigt werden beim heurigen Polit-Film-Festival spannende und selten gezeigte Dokumentarfilme aus den USA, Österreich, Italien und der Schweiz.

In der politischen Kommunikation und in der politischen Konfrontation wimmelt es vor falschen Mythen. Nichts scheut die Politik so sehr wie die traurigen Wahrheiten, die dahinter stecken. Mit den ausgewählten Filmen versucht das Polit-Film-Festival 8 in dieses Spannungsfeld einzutauchen und die falschen Mythen und traurigen Wahrheiten genauer zu beleuchten.

Auf die Leinwand und in die Diskussionen werden dabei der abstoßende Umgang der österreichischen Politik und Öffentlichkeit mit Simon Wiesenthal, ein privater Blick auf die österreichische Nazi-Elite, der Schein und das Sein der Südtirolattentäter, ein ungeschminkter Blick auf eine sagenumwobene Eliteschule und die menschenunwürdige Situation in Tschetschenien geworfen.

Buchtipps:
„Denn sie wussten, was sie tun”,
Simon Wiesenthal, Deuticke 1995

„Südtiroler Bombenjahre”,
Hans K. Peterlini, Edition Raetia

Zu beziehen entweder direkt an der Kinokassa oder in der Wagner!schen Buchhandlung.

Weiterer Buchtipp:
„Töchter des Krieges”,
Susanne Scholl, Molden 2007

DOWNLOAD:  PROGRAMM 

I have never Forgotten You – The Life and Legacy of Simon Wiesenthal

Richard Tranks Film ist dem Leben und Vermächtnis des 2005 verstorbenen Nazijägers und Humanisten Simon Wiesenthal auf der Spur. Der gebürtige Ukrainer Wiesenthal, ein säkularer Jude, der den Holocaust überlebt, aber in den KZs 89 Verwandte verloren hat, widmete mehr als sechs Jahrzehnte seines Lebens der Verfolgung von Nazi-Kriegsverbrechern. Was war die Triebkraft seiner Arbeit? Woher nahm er die Stärke, als seine Bemühungen über Jahre zur Erfolglosigkeit verdammt schienen? Welche persönlichen Opfer hat er gebracht, und welche Auswirkungen hatte sein Engagement auf das Leben seiner Frau und seiner Tochter?

Wiesenthal hat nicht nur zur Strafverfolgung von 1.100 Kriegsverbrechern beigetragen, er hat auch als einer der ersten auf die Lage der Sinti und Roma, der Homosexuellen und auf die anderer Verfolgter hingewiesen, die unter der Naziherrschaft litten. Während ihn viele als „Gewissen des Holocaust“ feierten, war doch manches in seiner Karriere umstritten.

Der Film schildert Wiesenthals gesamtes Leben – die Kindheit in der Ukraine, seine Erfahrungen im Holocaust, seine Jahre als Nazijäger. Er enthält Interviews mit langjährigen Mitstreitern Wiesenthals, mit Regierungschefs aus aller Welt, mit Freunden und Familienmitgliedern. Wiesenthals einziges Kind, seine Tochter Pauline, tritt auf und spricht erstmals über ihre Eltern.

Richard Tranks Film ist nicht nur als Dokumentation über den „Rechercheur“ – wie sich Wiesenthal immer selbst bezeichnete – wichtig, sondern bildet auch ein Stück österreichische Realität ab. (nach: Berlinale, Presseheft)

Simon Wiesenthal: „Wenn wir nach dem Tod mit all denjenigen zusammentreffen, die in den Konzentrationslagern umgekommen sind und sie mich fragen: Was hast du nach dem Krieg gemacht? – so kann ich sagen: Ich habe euch nicht vergessen!“

Eröffnungsreferent: Peter Michael Lingens, Journalist und ehemaliger Mitarbeiter von Simon Wiesenthal.

USA 2007; Regie: Richard Trank; Buch: Marvin Hier, Richard Trank; Kamera: Jeff Victor; Schnitt: Inbal B. Lessner; (35mm; Farbe; Dolby Digital; 105min; englische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

 

Richard Trank: I have never Forgotten You – The Life and Legacy of Simon Wiesenthal USA 2007.

The End of the Neubacher Projekt

In THE END OF THE NEUBACHER PROJECT erzählt Marcus J. Carney die Geschichte seiner Familie als epischen Dokumentarfilm. Was als Versuch beginnt, die Nazi-Familiengeschichte aufzuarbeiten, wird immer mehr zu einer radikalen Analyse von Kreisläufen familiärer Beziehungen, vor allem die zwischen Mutter und Sohn. THE END OF THE NEUBACHER PROJECT ist eine Kinoerzählung voller Wucht über eine Familie und ihr Trauma, das über Generationen hinweg spürbar ist. Mit seiner überwältigenden Montage von familiärem Foto- und 8mm-Filmmaterial darf dieser Film zu Recht ein episches Home Movie genannt werden. Acht Jahre vergehen von Projektbeginn bis zur Fertigstellung. Carneys Großmutter stirbt während der Dreharbeiten und in der Folge erkrankt die Mutter. Der Film zeigt, wie die beiden Frauen nicht fähig sind, mit dem Vermächtnis umzugehen. Je mehr Carney herausfindet, desto mehr wird sein eigenes Bild erschüttert.

Carneys Blick hält der Agonie beider Frauen stand und er erspart sich selbst nicht, die Kamera gegen seine eigene Agonie zu richten. So wie er ohne Selbstmitleid in die Vergangenheit und die sich tragisch entwickelnde Gegenwart blickt, sehen wir ihn dabei, wie er lernt, nicht mehr über die Verdrängung seiner Mutter zu richten.

Die Grenzen zwischen „privat“ und „öffentlich“ verschwimmen zunehmend bei Carneys Einsatz von Archivmaterial, das seine Vorfahren als Mitglieder der österreichischen Nazi-Elite zeigt. Carney erforscht in diesem Langzeitprojekt auf sehr persönliche Weise das Trauma einer typischen österreichischen Familie, die von atavistischer Jägertradition ebenso bestimmt wird wie von ihrem Schuldgefühl durch ihre enge Verstrickung in den Nationalsozialismus. Im Zentrum dieser gebrochenen Familie steht die Unfähigkeit zu trauern.

Referent: Horst Christoph, Journalist. Moderation: Wolfgang Geier, ORF.

Österreich/Niederlande 2006; Buch und Regie: Marcus J. Carney; Kamera: Marcus J. Carney, Ludwig Loeckinger, Rolf Orthel; Schnitt: Marcus J. Carney, Georg Tschurtschenthaler; (35mm; Farbe und Schwarzweiß; Dolby Digital; 74min).


  

Marcus J. Carney: The End of the Neubacher Projekt Österreich/Niederlande 2007


Bombenjahre

„Wenn ihr was macht, dann macht wenigstens was Ordentliches.” Mit diesen Worten soll der damalige Außenminister Dr. Bruno Kreisky eine Delegation des Befreiungs-Ausschusses Südtirol (BAS) nach einem Gespräch Anfang der 60er Jahre verabschiedet haben. Tage später krachten in Südtirol die Bomben.

Dies ist eine der Sensationen, die in der sechsteiligen Fernsehserie BOMBENJAHRE enthalten sind, die von den Südtirolern Christian Franceschini und Helmut Lechthaler für den Fernsehsender RAI Bozen produziert wurde und in der die Geschichte der Südtirol-Attentate (1957–1964) nachgezeichnet wird. Dabei werden neben den Anschlägen und der politischen Vorgeschichte auch bisher kaum bekannte geheimdienstliche Hintergründe beleuchtet.

Zu Wort kommen außerdem Politiker, Journalisten und Vertreter von Gerichtsbarkeit und Polizei. Ergänzt durch teilweise bisher nicht gezeigte Archivmaterialien verwendet die Dokumentation auch nachgestellte Spielszenen. Explosives Material, das der RAI dann doch zu heiß wurde; erst 18 Monate nach Fertigstellung ging die Serie auf Sendung – und wurde zum sprichwörtlichen Straßenfeger. In Österreich wartet man noch immer auf eine TV-Ausstrahlung des 2005 mit dem Claus Gatterer-Preis – „ein Musterbeispiel, wie Journalisten ein schwieriges Thema hervorragend aufarbeiten können” (aus der Laudatio) – geehrten Films.

Referenten: Rolf Steininger, Historiker. Christoph Franceschini, Regisseur. Moderation: Benedikt Sauer, Tiroler Tageszeitung.

Italien 2005; Regie: Christoph Franceschini, Helmut Lechthaler; Buch: Christoph Franceschini; Kamera und Schnitt: Helmut Lechthaler; Ton: Agostino Fuscaldo, Stefano Bernardi; (Beta SP; Farbe; 285min).

  

Christoph Franceschini: Bombenjahre Italien 2005



Zuoz

ZUOZ ist eine Reise in ein von der Außenwelt abgeschlossenes Elite-Internat in den Schweizer Bergen. Ein Labyrinth aus Räumen und Gängen, das nie verlassen wird, das die Bewohner aber unablässig durchqueren, vorbei an Türen, die sich öffnen auf Detailaufnahmen ihres Daseins.

Der Film zeigt den Alltag in einer Schule, die seit ihrem Bestehen den Nachwuchs der weltweit vermögendsten und gesellschaftlich einflussreichsten Familien zusammenschließt. Eine Welt der Kontrolle, die das Denken und Fühlen durch Verhaltensregeln ersetzt, die täglich zelebriert und nie in Frage gestellt werden, die Lebensinhalt und Lebensrezept sowohl der Erzieher als auch der Schüler sind. Das Individuelle, Besondere wird nicht geduldet und interessiert auch nicht, es geht um die Gemeinschaft, um das System, das perfekt funktionieren soll. Abweichungen gibt es wenige, eine Rebellion schon gar nicht, denn: Wer sich nicht anpasst, wird sofort ausgeschlossen.

Die Kamera folgt den Jugendlichen wie ein wohlwollender aber ohnmächtiger Schutzengel, gleitet durch die Schattenseiten stereotyper Korrektheit und adretter Ignoranz, die sie zu substanzlosen Marionetten des Gesamtgefüges macht. Der Zuschauer treibt mit ihnen mit, lässt sich betäuben wie sie und bemerkt erst am Ende des Films, dass er nichts dagegen machen kann, dass auch er keine Wahl mehr hat. (aus: www.3sat.de)

Referent: Bernhard Rathmayr, Pädagoge. Moderation: Anita Heubacher, Zukunftszentrum Tirol.

Österreich/Frankreich 2007; Regie und Buch: Daniella Marxer; Kamera: Johannes Hammel; Schnitt: Sophie Reiter; Ton: Ingrid Städeli; (Digi Beta; Farbe; 69min).

  

Daniela Marxer: Zuoz Österreich/Frankreich 2007

Coca – Die Taube aus Tschetschenien

1991 erklärte sich die russische Kaukasusrepublik Tschetschenien für unabhängig. Seit 1994 russische Truppen einmarschierten, herrscht dort mit einer Unterbrechung von 1996 bis 1999 ein blutiger Bürgerkrieg mit wahrscheinlich mindestens 100.000 Toten. Seit dem Einmarsch der russischen Besatzungsmacht dokumentiert die tschetschenische Bürgerrechtlerin Sainap Gaschaiewa, die von ihren Eltern auch „Coca“ (Taube) gerufen wurde, die Gräueltaten der russischen Einsatzgruppen in ihrer Heimat. Unter Gefahr für Leib und Leben zeichnet sie Berichte von Opfern und Zeugen über die Gewalttaten auf und schafft Hunderte von Kassetten aus der mittlerweile nach außen fast völlig abgeschotteten Republik nach Moskau und Westeuropa.

Der Schweizer Dokumentarfilmer Eric Bergkraut zeigt in seinem betont parteiischen Film das unermüdliche Engagement Gaschaiewas, die alle Terrorakte von tschetschenischen Kämpfenden ablehnt. Bergkrauts protschetschenischer Film kritisiert sehr deutlich die Ignoranz des Westens gegenüber dem „vergessenen“ Krieg am Rande Europas, den eine russische Journalistin als späten Kolonialkrieg einstuft und den die russische Regierung als Kampf gegen den „internationalen Terrorismus“ bezeichnet. (nach: www.kinofenster.de)

Eric Bergkraut: „COCA sollte von Anfang an weniger von hoher Politik als von Frauen handeln, die gegen die Verwüstung von Körpern und Seelen kämpfen. Von Frauen, die die Verletzungen der Menschenrechte anprangern und auf Gerechtigkeit hoffen.“

ReferentInnen: Susanne Scholl, Journalistin. Gerhard Mangott, Politologe. Moderation: Peter Nindler, Tiroler Tageszeitung.

Schweiz 2005; Regie und Buch: Eric Bergkraut; Laurent Stoop; Schnitt: Mireille Abramovici; Mitwirkende: Sainap Gaschaiewa, Lipkhan Basaiewa, Anna Politkowskaja, Tamara Rovkova u.a.; (35mm – von Video übertragen; Farbe; 86min; deutsch-englisch-russisch-tschetschenische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

 

Eric Bergkraut: Coca – Die Taube aus Tschetschenien Schweiz 2005