2009 

Schein und Sein in der Politik

23. bis 27. November 2009, Leokino, Innsbruck

Die mediale Inszenierung von politischer Macht und von politischer Selbstdarstellung verwischt die Grenzen zwischen politischem Sein und politischem Schein. Die Massenmedien schaffen für PolitikerInnen, JournalistInnen und Betroffene eine Massenöffentlichkeit, die – auf Persönlichkeiten fixiert – nicht zu fassen, kaum zu steuern und oft nur schwer zu ertragen ist. Das politische Geschäft verändert die Persönlichkeit fast aller Beteiligten. In das Spannungsfeld von Schein und Sein in der Politik taucht die neunte Ausgabe des Innsbrucker Polit-Film-Festivals mit Filmen, Vorträgen und Diskussionen ein. (jw)

Buchtipps:
Alexander Kluge „Geschichten vom Kino” (Suhrkamp Verlag)
Vaclav Havel „Fassen Sie sich bitte kurz – Gedanken und Erinnerungen” (Rowohlt)
zu beziehen in der Wagner!schen Buchhandlung.

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OBCAN HAVEL / CITIZEN HAVEL / BÜRGER HAVEL

Der Dissident wird Präsident. Von den Kommunisten wurde er verfolgt. Nach dem Fall des Regimes wurde er zum ersten Staatspräsidenten der Tschechischen Republik: Václav Havel. Zehn Jahre hatte er das höchste Staatsamt der jungen Demokratie inne. Während dieser Zeit begleitet Regisseur Pavel Kouteck_ den Präsidenten mit der Kamera. CITIZEN HAVEL erlaubt außergewöhnliche Einblicke hinter die Kulissen der Macht und in das Räderwerk der Politik. Wir erleben einen Präsidenten, der mal ironisch mit der eigenen Rolle spielt, dann wieder sich selbst inszeniert, der aber auch immer wieder nachdrücklich Stellung bezieht.

Ideale, Wahrheit und der Umgang mit Macht – das waren seine Themen, als oppositioneller Künstler und als Präsident. Václav Havel war beides. Während des Prager Frühlings 1968 wurde der Schriftsteller zum Wortführer systemkritischer Intellektueller, seine Werke bekamen Aufführungs- und Publikationsverbot, er selbst saß mehrfach im Gefängnis. Als Unterzeichner der „Charta 77“, der oppositionellen Bürgerrechtsbewegung, wurde er Ende 1989 zum Präsidenten der Tschechoslowakei und 1993 dann zum ersten Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt. 1993 bis 2003, in den zehn Jahren seiner Amtszeit, gestattete er einem Filmteam, ihn mit der Kamera zu begleiten. Er gewährte Einlass in sein Leben, als Mensch und Staatsmann. Er ließ sich über die Schulter, in die Karten und damit tief hinter die Kulissen der Politik blicken. Auch in Situationen, in denen andere das Filmen untersagt hätten. Havel, den Kritiker einen „unfähigen Träumer“ nannten, war kein gelernter Politiker. Das bekam er immer wieder vorgeworfen. Der Film zeigt Havel bei der Vorbereitung auf Empfänge oder Reden, zeigt ihn in schwierigen Verhandlungen. Er ist dabei, wenn Havel mit Bill Clinton Saxophon spielt, sich mit Boris Jelzin oder Bush jr. trifft oder sich über seinen Kontrahenten Václav Klaus auslässt. Seine Schwierigkeiten, oft auch Unbeholfenheit, machen ihn verletzlich, doch damit umso echter. Ein sympathischer Mensch in dem Bemühen, seinem Amt, sich selbst und seinen Idealen gerecht zu sein.

Tschechien 2008; Regie: Miroslav Janek, Pavel Koutecky; Kamera: Stano Slusny; Schnitt: Tonicka Janek; Mitwirkende: Václav Havel, Bill Clinton, Ivan Medek, Anna Freimanová, u.a.; (Beta SP; Farbe; 119min; tschechische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

 

Miroslav Janek, Pavel Koutecky: OBCAN HAVEL / CITIZEN HAVEL BÜRGER HAVEL, Tschechien 2008

MARKTL IST PAPST!

Marktl am Inn – ein Ort von 2700 Einwohnern am Rande Oberbayerns, ein einfacher, verschlafener, unbekannter Ort. Doch der 19. April 2005 verändert alles: Kardinal Joseph Ratzinger wird zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. Seither ist Marktl bekannt als Geburtsort des Papstes. Das bringt der Gemeinde Pilger, Touristen und volle Kirchen, aber auch viel Kommerz, wie Papstbier, Papsthonig, Vatikanbrot, Ratzinger Bratwurst. Sogar „Papst Wein“ darf geschluckt werden, wen interessiert es in der allgemeinen Euphorie schon, dass in der Flasche nur ein Grüner Veltliner gluckert. Katholizismus und Kommerz schließen eine lukrative Allianz. Stetig passiert Neues in dem einst verschlafenen Ort.

Zehn Tage nach dem Konklave reist der Regisseur erstmals nach Marktl und besucht die 2700 Seelen-Gemeinde immer wieder bis zum Besuch Ratzingers in Bayern ein Jahr später. Er fängt die ersten Veränderungen ein, nicht nur im Stadtbild, sondern auch im Verhalten der Leute und begleitet mit der Kamera die Wende zum großen Geschäft – denn einem finanziellen Vorteil kann auch der größte Frömmler nicht widerstehen.Mit Gefühl geht's aber noch einmal zu, als der Pontifex über Marktl hinwegfliegt, über Bordfunk zu Hunderten seiner Schäfchen redet und vom Himmel herab segnet. Kritisch distanziert und mit Augenzwinkern betrachtet der Film den Rummel und seine Auswüchse, ohne sich über die Menschen lustig zu machen. Realsatire und Alltag verschmelzen zu einem unterhaltenden und kuriosen Panoptikum. Dieser Film zeigt ein bayerisches Dorf, das „ausflippt“ und seine Menschen, die ihren Weg zwischen Glauben und Kommerz finden müssen – vom Zeitpunkt der Papstwahl über die ersten Papstprodukte bis hin zum Papstbesuch im September 2006. (aus: Presseheft; www.br-online.de)

Deutschland 2008; Regie & Buch: Mickel Rentsch; Kamera: Mickel Rentsch, Manfred Schreiber, Frank Heidbrink; Schnitt: Mickel Rentsch, Andreas Aigner; Mitwirkende: Marianne Reichl, Eva und Herbert Zeberer, Stephan Semmelmayr, Bürger und Gäste von Marktl; (DigiBeta; Farbe; 90min).

  

Mickel Rentsch: MARKTL IST PAPST! Deutschland 2008.


DUTSCHKE

„Die Faszination, die von Rudi Dutschke ausgegangen ist, hat sich uns am Anfang nicht so erschlossen. Doch das hat sich im Laufe der Arbeit dann schon geändert“, sagt Regisseur Stefan Krohmer. Sein halbdokumentarischer Film DUTSCHKE kombiniert Interviews, alte Fernsehbilder und nachgestellte Szenen aus dem Leben des berühmten Studentenführers und erzählt – auch auf humorvolle und amüsante Weise – die Geschichte der charismatischen Galionsfigur der 68er von 1964 bis hin zu seinem Tod an Heiligabend 1979. In den Interviews zeigen sich nicht nur die Einstellungen der Interviewten zu Dutschke und seiner Bewegung, sondern auch Rivalitäten seiner politischen Weggefährten untereinander.

Die Besonderheit des Projekts und der Entwicklung des Drehbuchs liegt in der konzeptionellen Herangehensweise von Stefan Krohmer und Drehbuchautor Daniel Nocke, die als Work-in-Progress bezeichnet werden kann. In ausführlichen Gesprächen schilderten und diskutierten Gretchen Dutschke, Gaston Salvatore, Wolfgang Kraushaar, Eberhard Diepgen und viele andere Auftreten, Wirkung und Persönlichkeit von Rudi Dutschke und reflektierten dabei auch die Gründe, die ihn zur Symbolfigur der 68er-Bewegung machten. Auf Basis dieses Materials begann Nocke mit seiner Arbeit am Drehbuch für den fiktionalen Teil des Films. Gretchen Dutschke, die Rudi 1966 heiratete und die heute in Dänemark und den USA lebt, stand für das Projekt als Beraterin zur Verfügung. (aus: Filmfest München; www.focus.de)

Deutschland 2009; Regie: Stefan Krohmer; Buch: Daniel Nocke; Kamera: Bernhard Keller, Patrick Orth; Musik: Stefan Broedner; DarstellerInnen: Christoph Bach (Dutschke); Pasquale Aleardi (Gaston Salvatore), Emily Cox (Gretchen), Fabian Hinrichs (Peter Schneider) u.a.; (DigiBeta; Farbe; Dolby; 90min).

  

Stefan Krohmer: DUTSCHKE Deutschland 2009



LITTLE ALIEN

Sie sind Teenager, die ohne Eltern oder Verwandte aus den Krisengebieten der Welt geflohen sind. In Österreich angekommen, versuchen sie ihr Leben neu zu gestalten und kämpfen für ihr Recht auf eine mehr oder weniger unbeschwerte Jugend. Die traumatische Erfahrung des Verlusts, die Sehnsucht nach den zurückgelassenen Familien und der Blick in eine vollkommen ungewisse Zukunft erschweren den Prozess des Neuanfangs erheblich.

LITTLE ALIEN begleitet mehrere jugendliche Flüchtlinge, die in Traiskirchen, in Wiener Asylheimen und der bürokratischen Warteschleife festhängen. Im Zentrum des Films stehen zwei Mädchen aus Somalia und zwei Burschen aus Afghanistan, die auf entsprechende Bescheide und Berechtigungen warten müssen. Kusturica stellt die entscheidenden Behörden wie das Bundesasylamt jedoch nicht den Jugendlichen als anonyme Instanzen gegenüber, sondern lässt präzise den institutionellen Ablauf und die damit einhergehende Eigendynamik anschaulich werden: Auch die helfenden Betreuer, Vereine und Übersetzer sind Teil desselben Systems. Die Grenzen, so ließe sich das Credo dieses Films zusammenfassen, lassen sich längst nicht mehr mit einem osteuropäischen Markstein kennzeichnen – sie verlaufen direkt durch die österreichische Gesellschaft. (aus: www.derstandard.at; polyfilm-info)

Österreich 2009; Regie & Buch: Nina Kusturica; Kamera: Christoph Hochenbichler; Schnitt: Julia Pontiller, Nina Kusturica; Mitwirkende: Nura Bishar, Zahra Ibrahim, Ibrahim Hachube, Alem Ghamari, Said Reza, Alfred Walcher, Ana Manavi u.a.; (35mm; 1:1,85; Farbe; DolbyDigital; 94min; mehrsprachige ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UND ENGLISCHEN UNTERTITELN).

  

Nina Kusturica: LITTLE ALIEN Österreich 2009

NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE

„Der Entschluss steht fest, das Kapital nach dem Szenarium von Karl Marx zu verfilmen“, notierte Sergej Eisenstein am 12. Oktober 1927. Eisenstein, der mit PANZERKREUZER POTEMKIN (1926) die Filmsprache revolutionierte, wollte Marx’ Buch „kinofizieren“. Die Herausforderung, die von einem solchen Werk ausgeht, so glaubte Eisenstein, würde die Filmkunst von Grund auf umrücken. Ihm schwebte die Anwendung völlig neuer, von James Joyce’ Ulysses abgeleiteter Formen vor. 80 Jahre später kommentiert Alexander Kluge Eisensteins monumentalen Plan. Er sammelt filmische Miniaturen zu Marx’ Theorie, die uns so nah und so fern ist wie die Antike und montiert ganz unterschiedliche Perspektiven auf „Das Kapital”.

NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE ist eine fast zehnstündige Komposition aus stehenden Bildern, dokumentarischen und inszenierten Filmsequenzen, Interviews und Schrifttafeln, alles umspült von einem das träumerische Denken fördernden und tragenden Strom von Musik. Zur Vielfalt der Genres kommt die der Tonarten: Die virtuose ernste Komik Helge Schneiders in der Rolle des Hartz-IV-Anwärters Atze Mückert steht neben der blitzend hellen verspielten Intelligenz Dietmar Daths. Daths und Sophie Rois’ Diskurs über die Liebe schlägt um in Szenen aus Wagners Tristan, wie der (seinerseits mitsprechende) Regisseur Werner Schroeter ihn aus dem Geist von Eisenstein neu interpretierte. Die faszinierende Grundfrage, gestellt in ziellos schweifender Neugier, bleibt durchgehend: In welchen Bildern ist Das Kapital wiederzugeben? (nach: Presseheft; www.zeit.de)

Deutschland 2009; Regie und Buch: Alexander Kluge; Mitwirkende: Okasana Bulgakowa, Durs Grünbein, Oskar Negt, Peter Sloterdijk, Boris Groys, Helge Schneider u.a.; (DigiBeta; Farbe und Schwarzweiß; 84min). Gezeigt wird die vom Regisseur gefertigte, knapp eineinhalbstündige „Kinofassung”.

 

Alexander Kluge: NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTI Deutschland 2009