2011 

Tarnen und Täuschen.

12. bis 16. Dezember 2011, Leokino, Innsbruck

Die Gier nach fantastischen Gewinnen treibt das Banken- und Finanzsystem, korrumpiert die politische Klasse und knebelt die Medien. In der politischen und medialen Kommunikation führen Gier, Korruption und Knebelung zu perfiden Tarn- und Täuschungsstrategien. Mit einer Reihe von hochkarätigen Filmen, Vorträgen und Diskussionen werden Hintergründe und Gegenstrategien beleuchtet.

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Inside Job

Während die Bürger noch unter den Folgen der Finanzkrise leiden, blasen die Verursacher – Investmentbanker, Hedgefonds und andere legalisierte Wettgemeinschaften – schon wieder die Backen auf. Es geht ihnen gut, die Boni fließen wie in alten Zeiten. Dem Ende dieser Zeiten, der Finanzkrise 2008, nähert sich Charles Fergusons Dokumentarfilm INSIDE JOB an. Nur zur Erinnerung: Damals platzte die größte Spekulationsblase der Geschichte, und gigantische Geldwerte verschwanden spurlos in den schwarzen Löchern der Spekulation. Millionen Menschen verloren ihr Haus, ihren Arbeitsplatz, ihre Ersparnisse und ihre Altersversorgung.

Der Film beginnt mit einem Blick auf Island, den einstigen Musterknaben des Neoliberalismus. Im Jahr 2000 wurden die drei größten Banken privatisiert und über Nacht entstand die neue Kaste der moneyboys, der Reichen und Superreichen. Das Ende ist bekannt. Islands Luftschlösser stürzten zusammen, heute ist die Insel arm wie eine Kirchenmaus. Island war damals ein bevorzugtes Missionsgebiet der Ordensleute aus der Wall Street, jener Manager und Ökonomen, die man selten so frech, so dreist und so unverschämt lügen sehen kann wie in diesem Film. Die wertlosen Triple-A-Ratings für marode Unternehmen? Waren lediglich „Meinungen“. Am Ende wurden die steuerzahlenden Bürger, denen die neoliberalen Eliten stets gepredigt hatten, sie sollten den Gürtel enger schnallen, zur Kasse gebeten, während die Bankrotteure mit goldenem Handschlag verabschiedet wurden. Durchaus mit den Mitteln der Agitation knöpft sich Regisseur Ferguson auch Wirtschaftswissenschafter und Politiker vor. Seine Botschaft, die Macht des Finanzkapitals müsse gebrochen werden, ist eindeutig. (nach: Thomas Assheuer; diezeit.de)

 

USA 2010; Regie: Charles Ferguson; Buch & Schnitt: Chad Beck, Adam Bolt; Kamera: Svetlana Cvetko, Kalyanee Mam; Mitwirkende: Scott Talbot, Larry Summers, Matt Damon (Erzähler) u.a.; (35mm; Farbe; 120min; englische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

Khodorkovsky

Der Inhalt von KHODORKOVSKI, dem Porträt des eingekerkerten russischen Oligarchen, Multimillionärs und Putin-Kritikers, ist klassischer Krimi-Stoff: Ein hochbegabter Chemie-Student macht in der kommunistischen Jugendorganisation erst Karriere, dann Geld und wird im post-sowjetischen Chaos des Russlands der frühen 90er-Jahre erst Gründer einer Bank, dann Ölgigant, dann Multimillionär. Er macht sich Feinde, Legenden bilden sich und das Gerücht von Auftragsmorden macht die Runde. Bloß: Wer hat diese Gerüchte gestreut und wozu? Doch der Fall Chodorkowski muss gar nicht ins Fiktionale weitergesponnen werden – die wahre Geschichte von Aufstieg und Fall des Michail Chodorkowski ist auch so und unabhängig davon, wie der Zuschauer politisch zu dem Fall steht, äußerst spannend.

Regisseur Cyril Tuschi inszeniert sich zunächst als einen mit wenigen Vorurteilen hantierenden Michael Moore: ein Einzelkämpfer, seine Kamera, viele Fragen, viel Mut. Doch ins Kreuzverhör nimmt er seine Gesprächspartner dann doch nicht, vielmehr dürfen sie ihre Theorien und Vermutungen vortragen. Daraus ergeben sich viele interessante Perspektiven und Eindrücke. Die eigentliche Leistung des Films besteht aber darin, die wichtigen Fragen zu stellen und einen anständigen Überblick über den verworrenen und vielschichtigen Fall zu geben. Wie viele der im Film Befragten, verlässt der Zuschauer das Kino mit Verwunderung, vielen Fragen und der Hoffnung, Chodorkowski möge tatsächlich der von Demokratie beseelte Regime-Gegner sein, der Russland eines Tages zu verändern vermag.

  

Deutschland 2011; Regie & Buch: Cyril Tuschi; Kamera: Peter Dörfler, Eugen Schlegel, Cyril Tuschi; Schnitt: Salome Machaidze, Cyril Tuschi; Mitwirkende: Michail Chodorkowski, Joschka Fischer, Wladimir Putin u.a.; (35mm; 1:2,35; Farbe; Dolby SR; 111min; russisch-englisch-deutsche ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

Widerstand im Haiderland

Als ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel und FPÖ-Chef Jörg Haider mit ihren Unterschriften im Februar 2000 die schwarz-blaue Koalition besiegelten, formierten sich zahlreiche Österreicher und gingen auf die Straße. Nicht nur einmal, sondern jeden Donnerstag – und das fast zwei Jahre lang. Für den austro-britischen Filmemacher Frederick Baker haben diese „Donnerstags-Demos“ eine eigene Dokumentation verdient: Mit WIDERSTAND IN HAIDERLAND – MASSE OHNE MACHT? zieht er eine Bilanz nach zehn Jahren, die mit Jörg Haiders Beerdigung fast bis in die Gegenwart reicht.

Zu Wort kommen etwa der Kabarettist Josef Hader, Ex-ÖVP-Klubobmann Andreas Khol, der Historiker Doron Rabinovici, der Journalist Florian Klenk oder der Schriftsteller Robert Menasse, aber auch Demo-Promis wie Anneliese Gesswein. Die schon etwas betagte langjährige ÖVP-Wählerin war bei jeder einzelnen Demo dabei. „Ich war so entsetzt“, sagt sie und führt vor, wie sie mit ihren Schlüsselbunden gescheppert haben, ganz am Anfang, vor der ÖVP-Zentrale.

Sehr suggestiv schneidet Baker die Aufnahmen zusammen: Jörg Haiders empörendste Aussagen laufen wie Schreibmaschinen-Zeilen über die Leinwand, Protestierende wandern mit Kinderwagen, Musik und „Widerstand“-Sprechchören durch die Stadt, Andreas Khol brüstet sich mit dem Reformtempo, mit dem man die Kritiker überrollte: „Da sind wir drübergefahren.“ Jörg Haider wird in einem riesigen Bierzelt für eine Rede über die Unschuld der Großväter bejubelt. 60 Jahre zurückgeblendet spricht Adolf Hitler unter Jubel am Heldenplatz. Im Jahr 2000 ist derselbe Platz voll von Demonstranten. Und Josef Hader spricht vom „Kind“ Kärnten: Unverstanden von Wien, trotzig im Lodenjanker. (aus: www.diepresse.at)

  

Österreich 2010; Regie & Buch: Frederick Baker; Kamera: Benjamin Paya; Schnitt: Antonia Adelsberger; Ton: Bernadette Stary; Mitwirkende: Josef Hader, Andreas Khol, Robert Menasse, Marlene Streeruwitz, Bernard-Henri Lévy u.a.; (Video; Farbe; 90min).

Bad Boy Kummer

Tom Kummer wurde durch seine gefälschten Interviews bekannt. In zahlreichen deutschen Zeitungen – vor allem im Magazin der Süddeutschen – veröffentlichte er Interviews mit Stars und Prominenten, Interviews, die er allerdings nie geführt hatte. „Kakerlaken liefern Proteine. Dabei wird die Beute, die man an einem Tag fangen kann, mit einem Stück Brot vermanscht und wie eine Riesenpille runtergeschluckt“, so zitierte er den Boxer Mike Tyson und dessen Gefängniserfahrungen. Nur hat Kummer Tyson weder getroffen noch sonst wie mit ihm gesprochen. Ebenso wenig wie mit Sharon Stone, Brad Pitt oder Pamela Anderson. Dieser Poesie der Lüge spürt nun Kummers ehemaliger Redakteur, Miklos Gimes, nach: „ Kann Kummer dazu stehen, was er damals angestellt hat? Hat er ein eher pathologisches Verhältnis zur Wahrheit?“ Er selbst sieht sich als Dichter, aber in der erlaubten Lüge der schriftstellerischen Fiktion hat er sich nicht durchgesetzt; es scheint, er braucht jene unerlaubte journalistische Lüge, um zu glänzen.

Nicht zuletzt vermittelt BAD BOY KUMMER ein Gefühl dafür, wie stark die neunziger Jahre von einem großen Versprechen geprägt waren – dem Versprechen des Pop. Mike Tyson spricht über Nietzsche, Sean Penn über Kierkegaard, Ivana Trump hat sich eine komplett eigene Philosophie zum Thema „Der Mensch und das Sein“ zurechtgelegt. Und in deutschen Redaktionen fand Kummer begeisterte Abnehmer für seine Fabrikationen, die als „Borderline-Journalismus“ vermarktet wurden. „Seht her! So krass, so nah, so smart kann Journalismus auch sein!“, schrieen damals die Cover der Magazine mit Kummers Geschichten drin. Und so kann man zwischen den Zeilen des Films lesen, dass Kummer auch eine Erfindung einer Reihe von Männern in ehrenwerten Redaktionsstuben war. (nach: sueddeutsche.de; spiegel.de)

  

Schweiz/Deutschland 2010; Regie & Buch: Miklos Gimes; Kamera: Filip Zumbrunn; Schnitt: Barbara Landi; Mitwirkende: Tom Kummer, Markus Peichl, Walter Mayer, Susanne Schneider u.a.; (digital; Farbe; 92min).

Margin Call

Bei einer New Yorker Investmentbank werden Mitarbeiter entlassen. Einer der Gefeuerten übergibt einem der verbliebenen Angestellten einen Speicherstick, der die Vorhersage des nahenden Zusammenbruchs enthält. Der junge Banker starrt fassungslos auf die Daten auf seinem Bildschirm und trommelt dann seine Arbeitskollegen und seinen Chef für eine nächtliche Krisensitzung zusammen. Von den Zahlen alarmiert, beschließt die Konzernführung zum bevorstehenden Wochenende eine hochspekulative Rettungsaktion. Es beginnt eine moralische und zunehmend dramatische Achterbahnfahrt, die alle Beteiligten innerhalb der nächsten Stunden an den Rand der Katastrophe katapultieren wird.

Regisseur JC Chandor wollte nicht einfach irgendeinen Film über den Crash von 2008 drehen, wollte seine Figuren nicht menscheln lassen wie sie das etwa bei Oliver Stone machen. Vielmehr lässt er sie in diesem Investmentbank-Kammerstück tun, was sie am besten können: Zahlenkolonnen lesen, Monitore anstarren, die Krawatte zurechtrücken, über das Gehalt des Vorgesetzten tuscheln, durch Nachtklubs ziehen, Porsche fahren und um Abfindungen feilschen. Auf 24 Stunden konzentriert sich der starbesetzte Film, auf Rechnungen, bei denen am Ende der Kollaps der Finanzwelt herauskommt.

In der Sprache der Broker und Trader ist „margin call“ der Augenblick, in dem es im Terminhandel ernst wird, und der Käufer echtes Geld auf den Tisch legen muss: eine Art Weckruf der Realität. Ein solcher Weckruf ist auch Chandors Film, denn er macht vor, was man von einem Kino, das sich den Themen der Gegenwart stellt, erwarten darf: Härte, Strenge, Genauigkeit. (nach: Viennale-Katalog, Andreas Kilb)

JC Chandor: „Die Idee der unabhängigen amerikanischen Investmentbank ist, wie wir wissen, gestorben. MARGIN CALL ist mein Versuch, die Erfahrungen einer kleinen Gruppe von Insidern zu erzählen, die im Herzen der Krise werkeln, ohne es wirklich mitzukriegen. Das System, die Maschinerie, deren Teil sie wurden, war mittlerweile so groß und komplex, dass niemand ihre zerstörerische Energie verstand – bis es zu spät war.“

  

USA 2011; Regie & Buch: JC Chandor; Kamera: Frank G. Demarco; Schnitt: Pete Beaudreau; DarstellerInnen: Kevin Spacey (Sam Rogers), Paul Bettany (Will Emerson), Jeremy Irons (John Tuld), Demi Moore (Sarah Robertson) u.a.; (DCP; Farbe; 107min; englische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).