2012 

Die Politik im Spannungsfeld zwischen Umbruch und Status Quo

3. bis 7. Dezember 2012, Leokino, Innsbruck

Die Politik und ihre VertreterInnen stehen in einem permanenten Spannungsfeld zwischen dem notwendigen und geforderten Reagieren auf gesellschaftliche Umbrüche und der Angst vor Veränderungen beziehungsweise dem Verlangen nach dem Status Quo.

Dieses Spannungsfeld zwischen Umbruch und Status Quo Tarnen und Täuschen lotet die zwölfte Ausgabe des Polit-Film-Festivals im Innsbrucker Leokino aus. Mit einer Reihe von hochkarätigen Filmen, Vorträgen und Diskussionen werden nationale, internationale und historische Aspekte, Hintergründe und Konstanten des Themas beleuchtet.

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Blut muss fließen

Der Sänger grölt Gewaltparolen, die Neonazis toben und die Arme gehen hoch zum Hitlergruß: Als Thomas Kuban zum ersten Mal ein Rechtsrock – Konzert mit versteckter Kamera dreht, ermöglicht er Einblicke in eine Jugendszene, in die sich kaum ein Außenstehender hineinwagt. Ein Lied begegnet ihm auf seiner „Konzerttournee“ immer wieder: „Blut muss fließen knüppelhageldick, wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik…”.

Mit Rechtsrock junge Menschen zu ködern und zu radikalisieren – dieses Vorgehen scheint gut zu funktionieren: Laut einer Studie ist der Rechtsextremismus hierzulande zur größten Jugendbewegung geworden. Um die Musikveranstaltungen hat sich ein blühender Markt entwickelt: CDs der einschlägigen Bands und Merchandising-Artikel werden in Eigenregie produziert und in Szeneläden oder Über das Internet verkauft. Auf diese Weise wird zugleich Geld für die Expansion der Bewegung generiert.

Peter Ohlendorf hat Thomas Kuban auf seiner Reise durch Deutschland und Europa mit der Kamera begleitet, auch an Orte, an denen er zuvor versteckt gedreht hat. Im Fokus stehen dabei politische Entscheidungsträger, Behörden und Bürger. Der Protagonist des Films muss unerkannt bleiben, sein Name ist folglich ein Pseudonym. Die eigenwillige Verkleidung dient nicht nur seinem Schutz, sondern thematisiert in ihrer Überpointierung zugleich die Rezeption seiner Person durch die Gesellschaft. (absolutartist.de; www.berlinale.de)

 

Deutschland 2012; Regie & Buch: Peter Ohlendorf; Kamera: Thomas Kuban & Peter Ohlendorf; (DCP-bluray; Farbe; 87min).

Grenzfälle

Gibt es „natürliche Grenzen“, Sprachgrenzen, Kulturgrenzen? Sie erweisen sich als Fiktionen, auch und gerade wenn sie die Realität wirklich durchschneiden. Menasse beginnt seine Reise an der österreichisch-tschechischen Grenze, wo er als Kind seine Ferien im Haus der Großmutter verbracht hatte, dicht am damaligen Eisernen Vorhang. Heute ist die Grenze offen. Auf der Reise entlang der österreichischen und der europäischen Grenzen stellt sich heraus: Wenn Grenzen sich öffnen, sind sie noch lange nicht verschwunden, wenn sie verschwinden, haben sie sich nur verschoben. Kultur und Mentalität sind Folge von Grenzziehungen, und nicht umgekehrt. Und um menschlich an die Grenze zu gehen, und sie gar zu überwinden – dazu braucht es besondere Menschen. In GRENZFÄLLE begleitet Regisseur Kurt Langbein den Schriftsteller Robert Menasse beim Besuch solcher Menschen, die Besonderes beim Überwinden der Grenzen leisteten. (www.crossingeurope.at)

  

Österreich 2012; Regie: Kurt Langbein; Buch: Robert Menasse & Kurt Langbein; Kamera: Caroline Heider, Florian Gebauer, Daniel Mahlknecht; Schnitt: Angela Freingruber; Musik: Otto Lechner & Toni Burger; (DCP; Farbe; 94min).

Mi 5.12. 20.00 Uhr im TREIBHAUS
8ungKultur präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Polit-Film-Festival 2012, LEOKINO und Treibhaus:

Robert Menasse: Der Europäische Landbote
„Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter, oder es geht das Projekt der Überwindung der Nationalstaaten unter. So oder so, die EU ist unser Untergang.” Menasses furioser, dem Geist Georg Büchners verpflichteter Essay fordert nichts weniger als die „Erfindung einer neuen, einer nachnationalen Demokratie” (Robert Menasse). Diskussion mit dem Autor: Ulrike Lunacek, Abgeordnete zum Europaparlament und Europasprecherin der Grünen; Moderation und Diskussionsleitung: Irene Heisz, Journalistin und Moderatorin (Eintritt: freiWILLIGE Spenden)

Die unglaublichen Abenteuer des Mister West im Lande der Bolschewiki

Durch Propagandaberichte in Zeitungen von den „roten Barbaren” gewarnt, unternimmt der reiche amerikanische Geschäftsmann Mr. West eine Reise in die Sowjetunion. Trotz seines Bodyguards – eines wagemutigen Cowboys, der in den Straßen Moskaus eine Lassonummer abzieht – gerät Mr. West in die Fänge einer Bande aus Gaunern und Dieben, die die „roten Barbaren” für den naiven Amerikaner meisterhaft inszenieren. So wird Mr. West zum Opfer seiner eigenen Klischeevorstellungen, bis er von einem „echten” Kommunisten gerettet wird.

Lev Kulešov, neben Sergej Eisenstein oder Dziga Vertov einer der Pioniere des sowjetischen Kinos, fixiert in seiner witzigen Slapstickkomödie, die von der Begeisterung des Regisseurs für das amerikanische Unterhaltungskinos zeugt, eine Gesellschaft im Umbruch, in der das Neue – insbesondere auch das neue sowjetische Montagekino – gerade erst im Entstehen ist.

Der Stummfilmklassiker ist in einer Neuvertonung durch das Kino-Glaz-Ensemble zu sehen: mit Florian Baumgartner (Schlagwerk), Bernd Haas (Gitarre, Effekte) und Renaud Tschirner (Programmierung, Synthesizer, Effekte). Weitab der Konventionen der Stummfilmvertonung vermengt sich hier Improvisation mit durchkomponierten Themen auf einzigartige Weise: die Wärme und Lebendigkeit akustischer Instrumente mit der Präzision und Kälte der modernen Technologie; Live-Performance auf nie gesehenen Perkussionsinstrumenten mit einem virtuellen Symphonie-Orchester. So ergibt sich die Klangfarbenpalette eines venezianischen Gemäldes. Klang – Geräusch – Stille: Alles steht im Dienste des Films.

  

UdSSR 1924; Regie: UdSSR 1924; Regie: Lev Kulešov; Buch: Nikolaj Aseev; Kamera: Aleksandr Levickij; DarstellerInnen: Porfirij Podobed (Mr. West), Boris Barnet (Cowboy Jeddy), Aleksandra Chochlova (Gräfin), Vsevolod Pudovkin (Žban), Sergej Komarov (der Einäugige), Leonid Obolenskij (der Geck) u.a.; (35mm; 86 min; ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

Originaltitel: NEOBYČAJNYE PRIKLJUČENIJA MISTERA VESTA V STRANE BOL'ŠEVIKOV

Vorfilm: Sergej Eisensteins erste, 7-minütige Kinoarbeit DNEVNIK GLUMOVA (GLUMOVS TAGEBUCH) aus dem Jahr 1923, neu vertont vom Slawistikstudenten Antonio Tavić. In Kooperation mit dem Institut für Slawistik der Universität Innsbruck und dem Österreichischen Filmmuseum Wien sowie mit finanzieller Unterstützung der ÖH Innsbruck

Herr Wichmann aus der dritten Reihe

Herr Wichmann von der CDU hat Karriere gemacht. Schon vor zehn Jahren hat der junge Provinzpolitiker im Bundestagswahlkampf alles gegeben: sein ganzes Urlaubssemester, 30.000 Euro aus eigener Tasche und die Bereitschaft, sich auch mal auslachen zu lassen. Um „frischen Wind” in die Politik zu bringen war er damals durch die Altenheime, Schulen und Betriebe der Uckermark getingelt. Am Ende erreichte er bloß schlappe 21 Prozent, hatte Schulden bei der Bank und wieder was gelernt.

Der ungelenke Hinterbänkler war das ideale Fressen für Regisseur Andreas Dresen, der ihn damals mit einem kleinen Team begleitet und den Dokumentarfilm HERR WICHMANN VON DER CDU gedreht hat. Als kleiner Mann aus Ostdeutschland war er nämlich genau wie Dresens Filmfiguren: schlecht gekleidet, aber noch lange kein schlechter Mensch. Und als Politiker war er unschuldig, aber unheilbar.

Dresen wird sich also gefreut haben, als Wichmann 2009 in Brandenburg in den Landtag nachrückte, denn damit bot sich die Möglichkeit für ein Sequel. „Manchma hilftet ja, wenn die Politik sich einschaltet“, sagt Wichmann zum Beispiel, und: „Jeder kann nur an seiner Stelle seinen Dschobb so gut wie möglich machen.“ Das macht er dann auch. Er sammelt Unterschriften gegen die Schließung von Polizeiwachen, ist in der Kantinenkommission und fährt täglich stundenlang durch die Gegend zu Seniorenmodenschauen, Dampferfahrten und Kreistagsausschusssitzungen. Was er kaum je äußert, ist eine wirklich kontroverse politische Meinung. Keine Überzeugung, keine Vision und keine eigene Idee. Die Ära Merkel ist an der Basis angekommen. (aus: www.sueddeutsche.de)

  

Deutschland 2012; Regie & Buch: Andreas Dresen; Kamera: Andreas Höfer, Michael Hammon, Andreas Dresen; Schnitt: Jörg Hauschild; Mitwirkende: Henryk Wichmann u.a.; (DCP; 1:1,85; Farbe; 90min).

Ai Weiwei: Never Sorry

„Profiteure des Systems”: Mit diesem harschen Verdikt bedachte kürzlich die in der Schweiz lebende Übersetzerin Wei Zhang einige ihrer Landsleute. Die Intellektuellen Chinas eigneten sich nicht als Gesellschaftskritiker. So sehr seien sie in das politische System eingebunden. Ob Zang ihr Urteil zurücknimmt, wenn sie den Dokumentarfilm AI WEIWEI. NEVER SORRY gesehen hat? Schließlich beweist der Mann, den die junge amerikanische Filmemacherin Alison Klayman darin porträtiert, dass chinesische Intellektuelle ihr Land von innen kritisieren können. Auch wenn der Spielraum dafür bedrückend eng ist.

Drei Jahre – von 2008 bis 2011 – hat Klayman den Künstler begleitet. Entstanden ist ein Portät des Künstlers und Aktivisten, bei dem Kunst und Politik, Kunst und Leben ununterscheidbar verschmelzen. Ist es noch Mut oder schon Performance, als er plötzlich zwei Männer in einem parkenden Auto fragt: „Verfolgen Sie mich?“ Und die Szene filmt. Klaymans Film lebt von der sensiblen Nahaufnahme und es gelingt ihr, das Bild zu entwerfen eines lebenslustigen und genussfreudigen Mannes, der bei allem rastlosem Aktivismus erstaunlich in sich ruht. Und nur einmal die Nerven verliert. Als er in einer Fußgängerzone einen der Polizisten wiedererkennt, die ihn attackierten, als er in Chengdu einem Aktivisten im Prozess beistehen wollte. Die schwere Kopfverletzung, die er dabei erlitt, musste in München operiert werden. Dass sein Widerstand aber immer rechtsstaatlich bleibt, hat Symbolcharakter. Er zeigt den Peiniger an. Stolz hält er das Protokoll in die Kamera und stellt das Dokument online. So rundet sich das Bild des menschenfreundlichen Menschenrechtskämpfers, der am Ende des Films, kurz nach seiner Freilassung aus der Haft, in einem BBC-Interview seine Kollegen mahnt, „die Meinungsfreiheit zu schützen“. (nach: www.taz.de)

  

USA 2012; Regie & Buch: Alyson Klayman; Kamera: Alyson Klayman, Colin Jones; Schnitt: Jennifer Fineran; Mitwirkende: Ai Weiwei, Ai Lao, He Yunchan u.a.; (DCP; Farbe; 91min; mehrsprachige ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).